Truppenübungsplatz

Der 3. August 1895 sollte das Leben in und um Münsingen entscheidend verändern: Wilhelm II., König von Württemberg, unterzeichnet die Ermächtigung für die Enteignung von Grundstücken auf dem Münsinger Hardt. Mit dieser Unterschrift ist die Diskussion um den Standort des „Gefechtsschießplatzes für das XIII. Königlich Württembergische Armeekorps” entschieden.

Fünf Millionen Reichsmark zahlt der Reichstag für das 3700 Hektar große Gelände auf der Mittleren Alb. Die Gemeinden Zainingen, Feldstetten, Ennabeuren, Ingstetten, Magolsheim, Böttingen und Auingen müssen Flächen zwischen 17 und 830 Hektar abtreten.

Bereits am 24. Oktober 1895 findet das erste Scharfschießen statt. Zwei Jahre später weihen die Militärs die ersten Unterkünfte in der angrenzenden Soldatensiedlung Altes Lager ein. Nach der Jahrhundertwende stehen neben zahlreichen Mannschaftsquartieren und Stallbaracken auch zwei Beobachtungstürme auf dem Schießplatz. Pro Jahr kommen bis zu 40 000 Soldaten auf die Alb, um dort den letzten Schliff zu erhalten.

Dann beginnt der Erste Weltkrieg: Die Kämpfe während des Krieges fordern ständig Nachschub. Für immer neue Ausbildungs- und Einsatzeinheiten wird der Übungsplatz Durchgangsstation in „Schwäbisch Sibirien”. Gleichzeitig entsteht im Gewann Gänsewag ein großes Kriegsgefangenenlager für 4000 Franzosen, Russen, Italiener und Serben.

Nach dem Ersten Weltkrieg nutzen nur noch vereinzelt Soldaten, sogenannte Freiwilligenabteilungen und paramilitärische Kampfverbände, den Übungsplatz. Erst Ende der 1920er-Jahre finden wieder verstärkt Manöver auf dem Gelände statt.

Die Nationalsozialisten lassen 1933 nach seiner Machtübernahme das Heer vergrößern. Das macht sich auf dem Truppenübungsplatz bemerkbar, wo die Wehrmacht immer häufiger präsent ist. Noch im selben Jahr besucht der Reichskanzler die Herbstübung der württembergischen 5. Division.

Zwei Jahre später rüstet Deutschland auf. Der Truppenübungsplatz und die Lager kommen an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Die Wehrmacht beschließt deshalb 1937 die Vergrößerung des Übungsplatzes um 3700 auf 6700 Hektar. Das hat zur Folge, dass die 660 Einwohner von Gruorn ihr Dorf räumen müssen.

Der Krieg der Deutschen beginnt 1939. Viele Gefangene, die die Soldaten beim Einmarsch in Polen und Frankreich machen, verfrachten die Nationalsozialisten nach Münsingen. Parallel dazu werden immer neue Verbände auf der Mittleren Alb ins Leben gerufen. Anfang der 1940er-Jahre planen Generäle der Wehrmacht die Aufstellung zuverlässiger italienischer Verbände, die nach deutschen Grundsätzen ausgebildet werden sollen. In Münsingen setzen sie im September 1943 ihre Idee mit der Aufstellung der 4. italienischen Gebirgsdivision „Monte Rosa’’ um. Mussolini reist im Sommer 1944 persönlich auf die Alb, um die neue Division unter die Lupe zu nehmen.

Einer der letzten deutschen Verbände, die die Wehrmacht in Münsingen aufstellt, ist die 78. Infanterie- und Sturmdivision, die im November 1944 das Hardt in Richtung Ostfront verlässt. Danach ruft der übergelaufene Ex-General der Roten Armee, Andrej Wlassow, die nach ihm benannte Armee auf der Alb ins Leben, die in erster Linie aus russischen Gefangenen besteht. Diese „Befreiungsarmee” macht sich Anfang 1945 Richtung Weichselfront auf.

Als am 24. April 1945 die Amerikaner in Münsingen einmarschieren, machen sich die letzten deutschen Soldaten aus dem Staub. Die US-Einheiten finden ein verlassenes Lager vor. Nur wenige Wochen dauert die amerikanische Ära. Im August 1945 übernehmen die Franzosen das Kommando.

Zwölf Jahre nach Kriegsende üben 1957 erstmals wieder deutsche Soldaten auf dem Hardt. Wenig später eröffnet die Bundeswehr im Alten Lager ein Verbindungskommando. In den folgenden Jahren lässt das Verteidigungsministerium das Straßen- und Wegenetz erweitern. 18 Jahre dauert es, bis die 36 Kilometer lange Panzerringstraße fertig ist.

Die deutsche Wiedervereinigung 1990 bringt entscheidende Veränderungen. In ganz Deutschland bauen die ehemaligen Besatzungsmächte ihre Truppen ab. Auch die Franzosen, die sich 1992 aus Münsingen verabschieden und den Übungsplatz an die Bundeswehr zurückgeben.

30 Soldaten und 130 zivile Mitarbeiter betreuen die bis zu 20 000 Soldaten aus ganz Europa, die jährlich auf den Schießplatz zum Üben kommen. Auch Polizei, Bundesgrenzschutz, Feuerwehr und Technisches Hilfswerk nutzen regelmäßig Teile des 6700 Hektar großen Areals. 2002 teilt das Verteidigungsministerium mit, dass einer der größten Übungsplätze Deutschlands Ende 2005 geschlossen werde. Der letzte Schuss fällt am 9. Dezember 2004. Zwölf Monate danach verlassen der Kommandant und die restlichen Soldaten das Lager.

Damit endet nach 110 Jahren die wechselvolle Geschichte des Übungsplatzes, den die baden-württembergische Landesregierung 2007 als Kernzone des 85 000 Hektar großen Biosphärengebiets Schwäbische Alb ausweist. Die Anerkennung durch die Unesco erfolgt Mitte 2009. Heute ist der einstige Schießplatz auf zahlreichen Wander- und Radwegen erlebbar.